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Boyhood (2014)

Allgemeines

Originaltitel: Boyhood

Jahr: 2014

Regie: Richard Linklater

Länge: 163  Minuten

Altersfreigabe: FSK 6

Kurzinhalt:

Der Film erzählt in einem Zeitraum von zwölf Jahren die Geschichte des jungen Mason.

 

Kritik

Zunächst sollte man anmerken, dass wenn man sich auf 'Boyhood' einlässt keine actionreiche Story erwarten darf. Es wird der ganz normale Alltag des jungen Mason dargestellt.  Dabei wirken Dialoge, Figuren und der ganze Rahmen der Geschichte unglaublich realistisch und nachvollziehbar. Man hat teilweise das Gefühl, dass man bei einer fremden Familie durch das Schlüsselloch schaut. Man fühlt, lacht und leidet mit den Protagonisten. Sehr markant und ungewöhnlich für das Drehbuch, welches von Regisseur Richard Linklater verfasst wurde ist, dass viele Dialoge von den Darstellern selbst mitgeschrieben wurden, wobei eigene Erfahrungen und auch Entwicklungen sich auf die Filmcharaktere auswirken. Ein weiterer Pluspunkt, den die Handlung von mir bekommt ist das Einbeziehen von historischen oder vielmehr zeitgenössischen Eigenarten wie z.Bsp. der Hype um Harry Potter, der Irakkrieg, die Präsidentschaftswahl um Barack Obama etc. So fiel es einem als Zuschauer sehr leicht, sich in der Zeit zu orientieren. Meiner Meinung nach gab es jedoch auch Stellen, die für mich nicht ganz logisch waren z.Bsp. weiß man am Anfang nicht, wie alt Mason überhaupt ist, es lässt sich nur schätzen; und als Mason mit seinem Vater im Stadion bei einem Baseballspiel ist und ihn urplötzlich frag, ob er einen Job hat. Sehr unrealistisch und nicht nachvollziehbar. Auch wurden manche Sachen für mich zu kurz angerissen, und dann später nicht gut genug ausgebaut. Beispiel hierfür ist die Beziehung zwischen Mason und seiner Freundin Sheena. Diese wurde mir zu kurz dargestellt. Nachdem die beiden sich getrennt haben spürt man Masons Leiden, man weiß nur leider nicht warum er so leidet, da man zu wenig Informationen über das Verhältnis der beiden erzählt bekommt. Aufgrund der jedoch ohnehin schon sehr langen Spielzeit von 2,5 Stunden konnte ich dies jedoch verkraften. Darstellerisch betrachtet bietet der Film einige neue, aber auch bereits bekannte Talente im Filmbusiness. Nachwuchsdarsteller Ellar Coltrane gab für insgesamt 12  Jahre die Rolle des Mason. Anfangs fand ich ihn super besetzt, vor allem in den Jahren, in denen er selbst Kind ist. Schauspielerisch lässt es sich darüber streiten, ob das Ganze als gut oder eher mittelmäßig einzustufen ist. Mit zunehmenden Alter fand ich sein Charakter etwas zweifelhaft dargestellt. Er wirkte auf mich eher in sich gekehrt, verschlossen und teilweise zu ruhig für einen Teenager in der Pubertät. Betrachtet man aber das soziale Umfeld von Mason, so ist dies zu gewissen Teilen nachvollziehbar, aber nicht ganz. Ganz anders ging es mir hier bei Patricia Arquette, die Masons Mutter verkörpert. Zu Beginn noch etwas unbeholfen, läuft sie mit fortschreitender Spielzeit zu schauspielerischer Höchstform auf. Man hat teilweise das Gefühl, als könne man in ihr Innerstes blicken und ihre Gedanken miterleben. Auch die Entwicklung ihrer Figur kann man sehr gut verfolgen. Auch wenn sie beruflich aufstrebt und sich immer die falschen Männer aussucht, bleibt sie stets in ihrer Mutterrolle fest verankert. Für die bevorstehende Awardsaison dürfte sie eine der großen Abräumer werden, wenn nicht sogar für Golden Globe und Oscar. Masons Vater, gespielt von Ethan Hawke, ließ für mich zu viele Lücken, was aber am Drehbuch liegen könnte und nicht an seinen schauspielerischen Können. Er hat leider zu wenig Screentime abbekommen, wenngleich auch einige gute und authentische Szenen auf seine Kosten gehen, vor allem, wenn er mit seinem Sohn im Gespräch ist. Richard Linklater, der vielen vor allem durch 'Before Sunrise' (1995), 'Before Sunset' (2004) und 'Before Midnight' (2013) bekannt sein dürfte führte Regie. Und für seine Leistung muss man wirklich den Hut ziehen. Allein das Konzept, einen Film über 12 Jahre lang mit denselben Darstellern zu drehen und deren eigene Erfahrungen mit einzubeziehen und vor allem, dieses Projekt auch durchzuziehen und zu realisieren, sollte schon mit einem Oscar belohnt werden. Besonders beeindruckend fand ich, dass Linklater den Fokus nicht nur auf Mason und dessen Älterwerden setzt, sondern auch auf dessen Familie. Durch die Kameraführung hat man meiner Meinung nach immer das Gefühl, als würde man sich direkt im Geschehen befinden und die ganze Szene als stiller Beobachter mit verfolgen. Cutterin Sandra Adair  hat es geschafft, die 2,5 Stunden Spielzeit wie im Fluge vergehen zu lassen. Die anfänglichen Sequenzen aus der Kindheit Masons wurden dabei kürzer gehalten und fügen sich wunderbar mit den späteren Szenen aus der Jugendzeit des Teenagers zusammen und schaffen somit ein perfektes Gesamtbild. Da sich der Film deutlich auf die Handlung und Entwicklung eines jungen Menschen und dessen sozialen Umfeldes beschränkt, wurde diesbezüglich auch beim Szenenbild gespart, was vor allem fürs Auge sehr angenehm ist. Man bekommt sehr schöne Natur- und Innenaufnahmen zu sehen, die sich dezent und genau richtig in den Film einbinden. Wer also opulente Kulissen sehen will, ist hier falsch. Mir ist durchaus bewusst, dass man bei einem reinen Familiendrama keine großartig geschneiderten Kostüme erwarten darf, jedoch haben mich vor allem die Kostüme von Mason teilweise etwas verwirrt. Als Kind trägt er sehr zeitgemäße Klamotten, mit fortschreitenden Alter jedoch wird seine Mode immer rückschrittlicher. Eigentlich müsste es doch genau umgekehrt sein, oder? Ich meine, ein Jugendlicher definiert sich doch oft auch durch seine Klamotten und geht mit der Zeit mit, während als Kind die Mode meist von den Eltern bestimmt wird. Die große Frage, die für mich am Ende von 'Boyhood' bleibt ist, ob bei diesem Film überhaupt Visagisten und Friseure beschäftigt waren, da es nicht wirklich danach aussieht. Vor allem im Bereich des Make-Ups. Man muss hier jedoch ganz klar dazu tendieren, dass es nur natürlich ist im Teenageralter Pickel und Akne zu haben, so wie es bei Ellar Coltrane auch zu sehen ist. Das Ganze nicht zu überschminken verleiht dem Film dadurch nur noch mehr Authentizität und Echtheit. Was leider bei dem ganzen Film fehlt, ist ein Score. Es werden zwar viele Szenen mit Songs untermalt, die, wie ich finde sehr gut passen, vor allem 'Hero' von Family of the year, jedoch hätte ich mir ein musikalisch wiederkehrendes Thema gewünscht, auf das man sich bezieht. 

Gesamteinschätzung

'Boyhood' ist einer der Filme, die man unbedingt gesehen haben muss, gern auch mehrmals. Auch wenn der Film recht einfach gestrickt ist, entfaltet sich mit fortschreitender Handlung ein unglaublich beeindruckendes Gesamtkunstwerk, dass mir zumindest noch für sehr lange Zeit im Gedächtnis bleiben wird, und sicherlich bei der kommenden Oscarverleihung einige Goldjungen mit nach Hause nehmen wird, wenn nicht sogar den Oscar als "Bester Film", "Beste Regie", Bestes Drehbuch" und "Beste Nebendarstellerin".

Sterne 8,5 / 10

 

 

 

4.1.15 18:39

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